Ein Bericht von Bloomberg informierte am Vortag über anstehende, verpflichtende Überstunden bei CD Projekt Red. Das Entwicklerstudio kommentierte darufhin die Meldung und bestätigte gleichzeitig, dass Cyberpunk 2077 bereits die Zertifizierung durchläuft.

Überstunden bei CD Projekt Red - das sagt Bloomberg

Autor Jason Schreier äußerte in seinem Artikel bei Bloomberg.com, dass ihm Aussagen eines Mitarbeiters von CD Projekt Red vorliegen würden sowie eine interne E-Mail von Studiochef Adam Badowski.

In dieser E-Mail, welche vom verganenen Montag stammen soll, habe Badowski angekündigt, dass das gesamte Entwicklerstudio von nun an eine 6-Tage-Woche (fünf Arbeitstage unter der Woche und zusätzlich ein Arbeitstag am Wochenende) bestreiten würde und die geleisteten Überstunden ebenfalls bezahlt werden würden.

Ferner habe Adam Badowski bedauert, das vorherige Versprechen gebrochen zu haben, verpflichtende Überstunden um jeden Preis zu verhindern. Er sei zuvor stets davon ausgegangen, dass eine Crunch Time niemals die Antwort sei, doch man habe nun alle anderen Lösungsmöglichkeiten für die Situation überprüft und keinen anderen Ausweg gefunden.

Jason Schreier beruft sich in seinem initialen Artikel und auch via Twitter auf mehrere Entwickler, welche an Cyberpunk 2077 arbeiten würden und seit mindestens einem Jahr Überstunden an Wochenenden und Nachtarbeit leisten würden. Ob diese Überstunden freiwillig geleistet wurden, beantwortet Schreier im Artikel nicht. 

Verpflichtende und freiweillige Überstunden - das sagt CD Projekt Red

Wenige Stunden später zitierte CD Projekt Red Studioleiter Adam Badowski den Tweet von Jason Schreier mit dessen Artikellink und veröffentlichte dazu auf Twitter dieses Statement (von uns übersetzt):

Diese letzten sechs Wochen sind unser Endspurt für ein Projekt, mit dem wir einen großen Teil unseres Lebens verbracht haben und sehr viel Herzblut hineingesteckt haben. Die Mehrheit des Teams kann diesen Vorstoß nachvollziehen, insbesondere weil uns jeder Tag spürbar näher an die Veöffentlichung eines Spiels bringt, auf das wir alle stolz sein wollen und welches wir soeben zur Zertifzierung eingereicht haben. Es ist eine der härtesten Entscheidungen, die ich je getroffen habe, aber alle werden gut für jede Überstunde bezahlt, die geleistet wird. Wie in den vergangenen Jahren werden 10% der jährlichen Firmeneinnahmen, welche in 2020 generiert wurden, direkt auf das Team verteilt. 

Badowksi widerspricht den Aussage von Jason Schreier somit nicht, sondern führt die bisherigen Informationen eher weiter aus. 

Zunächst steht die jetzige Entscheidung zu verpflichtenden Überstunden im Widerspruch zu den Aussagen von CD Projekt, welche im Jahr Mai 2019 gegenüber Jason Schrier - damals noch bei Kotaku.com - getätigt wurden. 

Co-Founder Marcin Iwiński sagte im Interview damals, dass CD Projekt dafür bekannt sei, Gamer fair zu behandeln und man sich fortan wünschen würde, Entwickler ebenfalls fair zu behandeln. 

Demnach würde keine Verpflichtung entstehen, wenn der Arbeitgeber die Entwickler um Überstunden oder Nachtarbeit bitten würde. Zusätzlich würde man eine bessere Entwicklung von Cyberpunk 2077 anstreben im Vergleich zu The Witcher 3,  bei dem laut Marcin Iwiński und Adam Badowski viele verpflichtende Überstunden auf die Entwickler zukamen. Generell seien Überstunden in der Entwicklung eines Spiels wie Cyberpunk 2077 nicht fest im Vorfeld eingeplant, trotzdem jedoch laut Iwiński nicht vermeidbar. 

Am Tag der ersten Release-Verschiebung von Cyberpunk 2077 (16. Januar 2020) beantwortete President und Joint-CEO Adam Kicinski in einem Telefoninterview die Frage, ob man vom Entwicklerteam verlangen würde, Überstunden zu leisten. Er stimmte zu, dass dies zu einem gewissen Grad doch der Fall sein würde, da sich das Spiel in der finalen Entwicklungsphase befinde. Man würde aber versuchen, die Crunch time so gering wie möglich zu halten und angemessen damit umzugehen. CD Projekt stellte verpflichtende Überstunden folglich bereits zum Jahresanfang 2020 in Aussicht. 

Nach der gestrigen Stellungnahme von Adam Badowki meldete sich CD Projekt Chief Financial Officer Piotr Nielubowicz per E-Mail bei Bloomberg und stellte klar, dass der Erscheinungstermin von Cyberpunk 2077 am 19. November definitiv nicht verschoben werden würde. Der Hauptgrund für die Überstunden seien die Bugs im Spiel, die das Team auf der Zielgeraden beheben wolle. 

Zahlen bitte 

Die so genannte Crunch Time ist ein Begriff, welcher in der Videospielbranche meist mit exzessiven Überstunden (60,80 oder sogar 100 Stunden pro Woche) über einen längeren Zeitraum verbunden wird, meist ohne Bezahlung der zusätzlichen Arbeitszeit. Da dieser Begriff jedoch keine einheitliche, feste Definition hat und in den Medien häufig inflationär verwendet wird, versuche ich ihn in diesem Artikel zu vermeiden.

Fakt ist jedoch, dass die Videospielbranche ein hohes Aufkommen an Überstunden aufweist und diese manchmal zur Einhaltung einer einzelnen finalen Deadline verwendet werden, teilweise auch kalkuliert ausgespielt werden, um Kosten gering und Entwicklungszeiten kurz zu halten.

Rockstar Games war eine der Firmen, welche für Negativschlagzeilen sorgte, da bei der Entwicklung von Red Dead Redemption 2 mehrfach Arbeitswochen mit jeweils 100 Arbeitsstunden durchgesetzt wurden (etwa 7 Tage mit jeweils 14 Stunden Arbeit entsprechend). 

Anthem von Bioware wurde ebenso mehrfach als Entwicklungsdesaster bezeichnet, welches durch häufige und teils späte Kurswechsel zu massiven Überstunden führte, die die Mitarbeiter psychisch und körperlich krank werden ließ. 

Der so genannte Fair Labor Standards Act (FLSA) aus dem Jahr 2009 führte in den USA bezahlte Überstunden oberhalb einer 40-Stunden-Woche ein, dennoch gibt es Ausnahmen und Schlupflöcher, weswegen die Überstunden vieler amerikanischer Entwickler unbezahlt bleiben.

Diese Verhältnisse ändern sich langfristig kaum, da die wenigsten Videospielentwickler in einer Gewerkschaft oder Mitarbeitervertretung organisiert sind. Die International Game Developers Association (IGDA) sieht sich mit über 12.000 Mitgliedern als Interessensgemeinschaft, weniger jedoch als Gruppe von Aktivisten, die einen Wechsel herbeiführen wollen. Die noch recht junge Hilfsorganisation Game Workers Unite (GWU) hat sich dagegen auf die Fahne geschrieben, die Interessen der Videospielentwickler zu vertreten, zu vermitteln und die Gleichberechtigung zu stärken.

In Polen ist die Handhabung und Bezahlung von Überstunden übrigens klar geregelt (Danke an dieser Stelle für den Hinweis an den Cyberpunk 2077 Content Creator Last Known Meal). 

Laut polnischem Recht darf die tägliche Arbeitszeit auf 24 Stunden gerechnet acht Stunden nicht überschreiten bzw. nicht 40 Stunden pro Woche übersteigen, ausgehend von einer fünftägigen Arbeitswoche. Überstunden dürfen entstehen, wenn Notfall- oder Rettungssituationen vorliegen (Gefährdung der Gesundheit/Sicherheit anderer, dringende Reparaturen) oder besondere Bedürfnisse des Arbeitgebers erfüllt werden müssen.

Sofern es nicht explizit anders im Arbeitsvertrag steht oder eine Sondervereinbarung getroffen wurde, dürfen Überstunden in Polen die Grenze von 150 Stunden (18,75 zusätzliche Arbeitstage) pro Kalenderjahr nicht überschreiten und die Arbeitszeit darf zusammen mit den Überstunden pro Woche nicht 48 Stunden übersteigen.

Geht man nun von einer 6-Tage Woche für die Entwickler von CD Projekt Red aus, so darf man die Arbeitszeit von täglich 8 Stunden keinesfalls überschreiten (6x8=48h). Die Arbeit nachts oder an Feiertagen wird mit einem 100% Zuschlag zusätzlich zum Gehalt vergütet. 

Autor Jason Schreier behauptet sowohl in seinen Artikeln auf Bloomberg als auf auf Social Media, dass Entwickler von CD Projekt Red sich seit Jahren (spätestens seit der E3-Demo 2018) immer wieder mal in einer Crunch Time befinden würden. CDPR scheint dies nicht zu bestreiten, Schreier dagegen äußert weder erzwungene Überstunden, noch unterschlagene oder illegale Arbeitszeitdokumentation, sodass davon ausgegangen werden kann, dass die Überstunden unter Einhaltung der o.g. Gesetze und bisher auf freiwilliger Basis erfolgten. 

In welcher Frequenz und in welchem Umfang von freiwilligen Überstunden innerhalb von CDPR während der Entwicklung von Cyberpunk 2077 Gebrauch gemacht wurde, ist unklar. Auch im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen sind auf Dauer Folgen sowohl  für die geistige und körperliche Gesundheit als auch für das Sozialleben denkbar.

Für einen klar definierten Zeitraum kündigte Adam Badowski also jetzt sechs Wochen lang zusätzlich verpflichtende Überstunden an einem Wochenendtag an. Folglich sind das 6 zusätzliche Tage Arbeit, also insgesamt 48 Stunden (6x8h), die das Team mehr arbeiten soll. 

Die Mitarbeiter von CD Projekt Red erhalten bezahlte Überstunden und Badowski erklärte via Twitter, dass wie in den Jahren zuvor 10% des jährlichen Gewinns auf die Mitarbeiter verteilt werden würden. 

Im Artikel auf Bloomberg.com bezieht man sich auf Einschätzungen von Analysten, laut denen der Reingewinn von CD Projekt im Geschäftsjahr 2020 um das 11-Fache steigen könnte (auf umgerechnet etwa 443 Millionen Euro). Würden 10% des Gewinns, also etwa 44,3 Millionen Euro zu gleichen Anteilen auf die ca. 1079 Mitarbeiter verteilt werden, wären das etwa 41.000 Euro Prämie pro Mitarbeiter. 

Die gute Nachricht - Gold zum Greifen nahe

Wie wir bereits zuvor berichteten ist die jetzt laufende Zertifizierung der letzte Schritt der Entwicklung bevor Cyberpunk 2077 den Goldstatus erhält, ins Presswerk und anschließend an die Händler ausgeliefert werden kann.

Sony und Microsoft überprüfen das Spiel aktuell anhand der internen Qualitätsstandards (hauptsächlich Systemstabilität und Fehlen grober Bugs) und sofern CD Projekt Red hier nicht nachbessern muss, sollte der Goldstatus innerhalb weniger Tage bis Wochen folgen.

Mögliche Gründe für die Überstunden

Piotr Nielubowicz bestätigte erneut, dass man am Release von Cyberpunk 2077 am 19. November 2020 festhält und nannte als Hauptgrund für die geforderten Überstunden das zusätzliche Ausmerzen von Bugs.

Da die Zertifizierung bereits läuft, kann man spekulieren, dass das zusätzlich von den Überstunden abgedeckte Bug Hunting für das Day One Patch benötigt wird.

In Hinblick auf die sechs zusätzlichen Arbeitstage an dem Wochenende drängt sich  die Frage auf, wieso CD Projekt Red das Spiel nicht einfach verschiebt. Denn die zusätzlichen Wochenendtage könnten theoretisch als sechs normale Arbeitstage einfach hinten an die Entwicklung drangehängt werden und Cyberpunk 2077 lediglich um knapp eine Woche nach hinten verschoben werden.

Eine Verschiebung von einer finalen Woche wäre von den Fans sicherlich verkraftet worden und das Thema Überstunden wäre vom Tisch gewesen.

CD Projekt hätte gegenüber den Kunden zwar das Versprechen gebrochen, dass der 19. November der letzte Erscheinungstag bleibt, hätte aber das Versprechen gehalten, über Mitarbeiter keine verpflichtenden Überstunden zu verhängen.

Eine solche Option muss CD Projekt in Erwägung gezogen haben, aber es scheinen wichtige Gründe vorzuliegen, die dagegen sprechen.

Man kann spekulieren, dass die Gründe außerhalb der Firma liegen und unmittelbar mit dem Erscheinungstag zu tun haben. Denkbar wären vielleicht Deadlines für die Einreichung des Day One Patches, die Pressung der Spielediscs, für die Distribution bzw. Auslieferung des Spiels.

Zusätzliche Verzögerungen bei der Auslieferung für den PC und zwei Konsolen könnte womöglich einen Verkauf pünktlich zum Weihnachtsfest gefährden, welches die wichtigste Verkaufssaison des Jahre darstellt. Dieses Zeitfenster zu verpassen, würde zu massiven Verkaufseinbrüchen führen.

Sekundär könnte der Support der Next-Gen-Konsolen geschwächt werden, denn sowohl die Xbox Series X/S als auch die PS5 erscheinen zufälligerweise am 19. November oder früher.

Bloomberg.com - Cyberpunk 2077 Publisher Orders 6-Day Weeks Ahead of Launch

Twitter.com - Adam Badowski

PAIH.gov.pl. - Polish Trade and Investment Agency - Labour regulations

Kotaku.com -As Cyberpunk 2077 Development Intensifies, CD Projekt Red Pledges To Be 'More Humane' To Its Workers