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Die Qual der Wahl

Die so genannten Lebenspfade sind ein RPG-Element, welches für Cyberpunk 2077 aus der Rollenspielvorlage Cyberpunk von Mike Pondsmith übernommen wurde.  

Wenn man im Tischrollenspiel einen Charakter erschafft, verleihen ihm die Lebenspfade mehr Tiefe.

Dabei klärt ein Würfelergebnis wichtige Details zum Charakter im (Beispiele hier aus Cyberpunk Red): Familie (z.B. waren alle im Gefängnis, aber der Spieler konnte entkommen), Motivation (z.B. Rache oder Macht), Ziele (z.B. altes Leben loswerden oder gefürchtet und respektiert werden), Freunde (z.B. alter Liebhaber, Mentor/Lehrer oder Geschwister), Feinde (z.B. Erzfeind aus der Kindheit oder hohes Tier in der Regierung), Romanzen (z.B. Liebhaber wurde im Kampf erschossen, ist wahnsinnig geworden oder wurde entführt) und Persönlichkeit (z.B. freundlich und extrovertiert oder rebellisch, asozial und gewalttätig).

CD Projekt Red wollte dieses System zunächst auf Cyberpunk 2077 übertragen, weshalb uns 2018 noch ein vereinfachtes Auswahlsystem mit ähnlichen Fragen wie im Tischrollenspiel bei der Charaktererstellung präsentiert wurde.

Im Verlauf der Zeit stellte es sich jedoch als zu komplex heraus mit zu vielen Variablen und wahrscheinlich auch Problemen damit, die einzelnen Abstufungen bei den Antworten anschaulich darzustellen.

2019 präsentierten die Entwickler daher eine Alternative: Man brach die Lebenspfade auf die drei Auswahlmöglichkeiten Corporate, Nomad und Street Kid herunter. 

Als Corporate startet V als Mitarbeiter im japanischen Megakonzern Arasaka. V steht stets unter enormen Druck, hat aber Cyberware mit Militärstandard verbaut und kann sich Dinge leisten, von denen andere nur im Braindance träumen können. 

Als Nomad startet ihr in den Badlands vor der Stadt und habt gerade eurem Clan und dem nicht sesshaften Leben abgeschworen, um als einsamer Wolf in Night City euer Glück zu versuchen. 

Als Street Kid kennt ihr die Straßen und Gangs von Night City wie kein anderer. V ist ambitioniert, will ganz nach oben, man kennt ihren/seinen Namen und V wiederum kennt immer wen, der uns aus der Patsche hilft.

Nomad und Corporate sind ursprünglich Klassen aus dem Tischrollenspiel, das Street Kid ist dagegen eher eine Eigenkreation der Spieleentwickler oder quasi der Anti-Corporate. 

Je nachdem, wie ihr euch am Anfang für einen der drei Lebenspfade entscheidet, beginnt das Spiel auf eine andere Weise. Doch damit nicht genug, denn durch eure Vorgeschichte stehen euch ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung, um Probleme zu lösen - insbesondere durch individuelle Dialogoptionen. 

Der spätere Verlauf der Story soll ebenfalls durch die Lebenspfade beeinflusst werden, sodass ihr an manchen Stellen vielleicht auf ganz verschiedene Quests, Orte und Ereignisse stößt.

Die Idee der drei Lebenspfade ist genial und die Auswirkungen auf die Dialoge lassen sich bereits jetzt deutlich erkennen.

Das Feature wurde in dieser finalen Form allerdings sehr spät in die Spielentwicklung eingepflegt und CDPR musste die Quests nachträglich deutlich überarbeiten, um es aktiv werden zu lassen. Dadurch wiederum hat das gesamte Spiel enorm an Komplexität gewonnen, was für die Fans toll sein kann, für die Entwickler dagegen ein Alptraum.

Ich hoffe, dass die Auswirkungen im Spielverlauf weitreichend und für den Spieler bedeutsam genug sind, um diese enormen Änderungen gerechtfertigt zu haben. 

In Cyberpunk 2077 geht es natürlich hauptsächlich darum, was ihr aus Vs Schicksal ab Spielbeginn macht, dennoch wäre es schön, wenn auch später mehr darüber lernt, was es bedeutet, ein Corporate, Nomad oder Kind der Straße gewesen zu sein, inklusive wiederkehrender NPCs.

„Na das ist aber ein hübsches Gesicht!“ - Der Charaktereditor 

Nach der Auswahl des Lebenspfades gelangt ihr in den Charaktereditor von Cyberpunk 2077. Hier werden Fans wahrscheinlich Stunden verbringen können, denn die Auswahlmöglichkeiten und unterschiedlichen Kombinationen sind einfach der Wahnsinn. Miles Tost musste mich direkt warnen, hier nicht zu lange zu verweilen, um noch den Rest des eigentlichen Spiels zu sehen. Da war ja noch was.

Der Startbildschirm des Charakter-Editors präsentiert euch auf der linken Seite ein paar vorgefertigte Charaktermodelle, die ihr direkt übernehmen könnt oder einfach nach eurem Geschmack anpassen könnt. 

Wer sich bis jetzt gefragt hat, ob überhaupt genügend Punk in Cyberpunk 2077 steckt, der sollte einfach ein paarmal auf das „Randomisieren“-Feld unten links klicken. Undercut-Frisur in Rosa, grüner Ziegenbart, eine blaue Oberlippe, gelbe Cyberware-Streifen im Gesicht, rotes Nasenpiercing, schwarze Augen - Bitteschön! 

Um den Umfang des Charaktereditors besser zu verdeutlichen, liste ich euch hier einfach mal die Anpassungsmöglichkeiten auf, die ich dokumentieren konnte: 

Stimme, Hautton, Hauttyp, Haarstil, Haarfarbe, Augenfarbe, Augenbrauen, Augenbrauenfarbe, Nase, Mund, Kiefer, Ohren, Bart, Bartstil, Bartfarbe, Cyberware (Gesicht), Gesichtsfarben, Gesichtstattoos, Piercings, Piercingfarbe, Zähne, Augenmakeup, Augenmakeupfarbe, Lippenmakeup, Wangenmakeup, Sommersprossen/Muttermale, Nägel(-länge), Nägelfabe, Nippel, Körpertattoos (bei Frauen auch leuchtende Cyberware), Genitalientyp, Genitaliengröße, Schamhaarstil, Schamhaarfarbe.

Ich habe mich jetzt nicht durch jede Auswahlmöglichkeit jedes einzelnen Merkmals geklickt, aber allein bei den Frisuren gibt es aktuell 35 Varianten und selbst hier soll bis zum Release noch was hinzukommen.

Sehr cool fand ich die Optionen bei den Augen. Hier konntet ihr nicht nur einfach die Farbe der Iris einstellen oder wie viele Gefäße in der Lederhaut eures Auges verlaufen, sondern auch witzige Cyberware für die Augäpfel aussuchen mit Herzchenform, Totenköpfen, Kreuzen, Zielscheiben usw. 

Auswahlmöglichkeiten bei den Zähnen: Neben Lattenzaun und TV-tauglichem Perlweiss-Lächeln gibt’s unter anderem komplett vergoldete Zähne - Flavor Flav lässt grüßen. 

Kann V eigentlich auch vollschlank sein? Nein, V ist schließlich ein Söldner/eine Söldnerin und deswegen schlank oder muskulös vom Körperbau her. 

Für den Charaktereditor ist es egal, welchen Lebenspfad ihr vorher gewählt habt. Ihr bekommt also nicht z.B. andere Tattoos zur Auswahl, nur weil ihr Street Kid gewählt habt. 

Bei den Genitalien wollte ich natürlich schauen, ob es Clippingprobleme bei der Jeans und Fehler bei der Kollisionsabfrage geben würde und habe mich deswegen für einen großen Penis entschieden… Ich hörte von Miles, dass so gut wie jeder die King Size gewählt hat, wahrscheinlich haben es die anderen wie ich natürlich nur für die Wissenschaft getan.

Man entscheidet sich formal zwar für ein Geschlecht bei V (männlich/weiblich), kann jedoch sonst alle Merkmale des Charakters unabhängig voneinander einstellen (männliche Stimme mit weiblichen Genitalien z.B. oder weibliche Brüste und Bart) oder primäre/sekundäre Geschlechtsmerkmale komplett weglassen.

Das Geschlecht ist übrigens die einzige Auswahlmöglichkeit im Charaktereditor, die NPCs bei V registrieren. Das entscheidet an einigen Stellen im Spiel (neben anderen Faktoren) über Sympathie/Antipathie und mögliche Romanzen.

Diese Tatsache zerstörte meine Hoffnung, dass NPCs zumindest vielleicht einige Entscheidungen zum Look der Spielfigur kommentieren würden, auch wenn es keine Relevanz für den Spielverlauf hätte. Das wäre laut Miles Tost nicht nur sehr kompliziert in der Entwicklung gewesen, sondern würde den Spieler trotzdem indirekt in seiner Gestaltungsfreiheit einschränken.

Tja und bei all den tollen Komplimenten, die ich während des Preview-Events von den NPCs in Cyberpunk 2077 erhalten habe wie „Na das ist aber ein hübsches Gesicht!“ und „Du siehst nach Spaß aus!“ ging es also gar nicht um meinen sorgsam ausgewählten Bart oder meine wahre Schönheit, sondern nur um Sex!